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Bedeutung des Dialekts als Sprachvarietät, innere Mehrsprachigkeit

Mittlerweile gilt es als allgemein anerkannter wissenschaftlicher Erkenntnisstand, dass der Dialekt nicht eine der Standardsprache unterlegene Form des Deutschen darstellt (vgl. Entwicklung von Defizithypothese über Dialektrenaissance und -rückgang bis zur Verankerung in der Schule). Vielmehr handelt es sich bei Standardsprache und Dialekt um zwei gleichwertige Varietäten innerhalb eines sprachlichen Kontinuums, eines „bruchlose[n] Zusammenhang[s] und Übergang[s] zwischen den Sprachformen“ (Lanthaler, 2004, 4), in dem die Standardsprache und der Dialekt sowie die dazwischenliegende Umgangssprache ihre jeweils eigenen „Zuständigkeitsbereiche“ (Leitner, 2003, 28) haben und gleichwertig sind.

Innere und äußere Mehrsprachigkeit

Demzufolge herrschen zwischen der Standardsprache und dem Dialekt keine klaren Übergänge im Sinne von „richtig/falsch“ oder „gut/schlecht“, sondern fließende, und zwar im Sinne einer „situationsangemessenen/situationsunangemessenen“ Sprachverwendung als dem relevanten Kriterium der Unterscheidung (vgl. Hochholzer, 2003, 103). Anders ausgedrückt: Bestimmte Anlässe, Themen, Situationen, Gesprächspartner und -partnerinnen erfordern die Standardsprache, andere wiederum legen den Dialekt nahe. Damit die Sprechenden diesem Anspruch in seiner vollen Tragweite gerecht werden können, müssen sie über die so genannte ‚innere Mehrsprachigkeit‘ verfügen“ (Schießl/Bräuer, 2012, 142).

Im Gegensatz zur ‚äußeren Mehrsprachigkeit‘, d. h. der aktiven Verfügbarkeit verschiedener Sprachen, bezeichnet dieser Fachausdruck „die Fähigkeit eines Menschen, innerhalb seiner eigenen Erstsprache zwischen Dialekt und Standard, zwischen Fach- und Umgangssprache, zwischen lockerem und sachlichem Stil wechseln zu können“ (Hochholzer, 22015, 81), d. h. – kurz gesagt – die Fähigkeit, mit Sprachvarietäten der eigenen Erstsprache flexibel umzugehen.

Codeswitching und Vorteile der Mehrsprachigkeit

Die angestrebte Sprachkompetenz im Sinne der inneren Mehrsprachigkeit muss demnach die Fähigkeit sein, je nach Gesprächsanlass, -thema, -situation und -partner die adäquate Sprachvarietät einsetzen zu können. Dieses (bewusste) „Codeswitching“ hat, durch eine zusätzliche Facette kommunikativer Kompetenz, nicht nur grundsätzlich eine größere Flexibilität zur Folge, sondern macht in jedem einzelnen Fall einen besonderen Reiz aus, der im Idealfall sogar bewusst herbeigeführt wird (vgl. Zehetner, 1989, 105).

Aufgrund der Ergebnisse der Hirnforschung und der Spracherwerbsforschung gilt es wissenschaftlich als ziemlich gesichert, dass die innere Mehrsprachigkeit einen idealen Ausgangspunkt für das Erlernen von Fremdsprachen darstellt, denn „viel spricht […] dafür, dass frühe innere und äußere Mehrsprachigkeit aus neurophysiologischer Sicht Vorteile mit sich bringt. Frühe Mehrsprachige greifen nämlich beim Wechseln zwischen den verschiedenen Sprachsystemen lediglich auf ein neuronales Netz [auf der Basis synaptischer Verknüpfungen] zurück, während Personen, die eine Zweitsprache erst später gelernt haben, auf verschiedene Areale im Gehirn angewiesen sind“ (Hochholzer, 2009, 56).

Somit stellen Mundarten neben ihrer jeweiligen Individualität mit ihrer Lebendigkeit, ihrer Affekthaltigkeit, ihrem lexikalischen Reichtum, ihrer Bildhaftigkeit, ihrer Expressivität und ihrer Klangfülle (vgl. Schießl/Bräuer, 2012, 51) auch unter dem Aspekt der Möglichkeit des wechselseitigen situationsgerechten und adressatenbezogenen Übergangs zwischen den verschiedenen Sprachvarietäten ein zusätzliches Plus an sprachlicher Ausdrucksfähigkeit, einen Wert an sich und eine Bereicherung in der Sprachentwicklung – sowie natürlich auch als Ausdruck von persönlicher Identität und regionaler Zugehörigkeit – dar.

Verfasser: Dr. Ludwig Schießl

Literaturverzeichnis

Emblematischer Gebrauch

Der emblematische Gebrauch von Dialektausdrücken liegt dann vor, wenn diese Ausdrücke nur versatzstückartig verwendet werden, ohne dass eine Beherrschung des Dialekts hierfür notwendig wäre. Diese Dialektausdrücke haben ihren Status als regional- oder dialekttypisch vor allem durch die mediale Verbreitung erhalten, z. B. durch Werbung, Comedians, Vorabendserien etc. Es kann sich hierbei z. B. um einzelne Wörter, Sprüche, Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln handeln, die nicht zwangsläufig dem Dialekt entstammen müssen. Beispielhaft seien hier die Ausdrücke moin moin und mia san mia genannt.

Im emblematischen Gebrauch dient der Dialektausdruck auch Nicht-Dialektsprechern und -sprecherinnen sowohl in der mündlichen wie schriftlichen Kommunikation dazu, ihre Verbundenheit zu einer Region, sozialen Gruppe oder zu bestimmten Milieus auszudrücken. Diese Embleme haben also auch identitätsstiftende Funktion. In der Produktwerbung und im Marketing von Regionen oder Städten werden Dialektausdrücke gerne in emblematischer Funktion verwendet, um Eindrücke von Regionalität, Heimat, Ursprünglichkeit, Authentizität etc. zu evozieren und das Produkt oder die Region als sympathisch zu konstruieren.

Literatur: Tophinke, Doris/Ziegler, Evelyn: „Hömma“. Emblematischer Gebrauch von Dialektausdrücken. Aus: Praxis Deutsch 275/2019. S. 40-47 & Tophinke, Doris: Dialekte heute. Aus: Praxis Deutsch 275/2019. S. 4-13.

Verfasserin: Ines Grage