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Heimat – Annäherungen an einen besonderen Begriff

Es gibt wohl wenige Begriffe, denen so viele Zuschreibungen zugedacht wurden, wie der der „Heimat“. Mit seinen Ursprüngen im Gotischen „haims“ (Dorf) bzw. im althochdeutschen „heimôti“ (Wohnung, Heimstatt, Heimatland oder Vaterland) (vgl. DWB) war der Heimatbegriff zunächst geprägt von einer Ortsverbundenheit und verwies damit zugleich auf sein Gegenteil, die Abwendung von einem konkreten Ort, die Hinwendung zum Jenseitigen, Geistigen.

In der Romantik spielte „Heimat“ keine dezidierte Rolle, wie Susanne Scharnowski jüngst nachwies. Als Begriff, der das implizierte, was im Zuge von Fortschritt und Modernisierung verloren zu gehen drohte, wuchs die Bedeutung der „Heimat“ im Zusammenhang mit der Industrialisierung. Dieser inhaltliche Zusammenhang lässt sich auch um 1900 beobachten, als sich die mit dem Heimatbegriff eng verbundene Zivilisations- und Fortschrittskritik nicht nur im Deutschen Reich in einer „Heimatschutzbewegung“ äußerte.

Inhaltlich geradezu pervertiert, tauchte „Heimat“ als bloße assoziative Leerstelle, um seine tradierte Bedeutung entkernt, im Umfeld kolonialistischer Diskurse, schließlich auch in Propaganda und Ideologie des Nationalsozialismus auf: Nicht mehr der Verweis auf einen bewahrenswerten Ort, eingebettet in eine vertraute Landschaft, geprägt von den ihn bewohnenden Menschen, deren Beziehungen und Erfahrungen, stand nun im Mittelpunkt. Vielmehr wurde „Heimat“ für ein größeres, letztlich nationalistisches, rassistisches und menschenverachtendes Ziel instrumentalisiert, das mit Krieg, Zerstörung und beispiellosen Gewaltverbrechen einherging.

Seit den 1950er-Jahren zeichneten zahlreiche Heimatfilme ein nicht immer restlos idyllisches, wohl aber für viele Zeitgenossen attraktives Bild von Heimat – in einer Zeit, die vom Heimatverlust der Geflüchteten und Vertriebenen und vom Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte geprägt war.

Gleichwohl bleibt „Heimat“, insbesondere in ihrer zum Klischee geronnenen Erscheinung, umstritten; davon zeugt die sich seit dem Ende der 1960er-Jahre entwickelnde kritische Heimatliteratur ebenso wie der kritische Heimatfilm.

„Heimat ist kein Ort – Heimat ist ein Gefühl“ textete Herbert Grönemeyer im Jahr 1999. Dennoch bleibt es unabdingbar, die vielfältigen, nicht zuletzt emotionalen Zuschreibungen, mit denen der „Heimat“ im Verlauf der letzten zweihundert Jahre belegt wurde, auch auf einen Ort zu beziehen – und wachsam zu bleiben angesichts populistischer und nationalistischer Vereinnahmungsversuche des Begriffes, der von bestimmten Gruppierungen in seiner exkludierenden statt inkludierenden Bedeutung genutzt wird.

Verfasserin: Dr. Monika Müller

 

Literaturtipps:

  • Simone Egger: Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchstort wieder neu erfinden, 2014.
  • Susanne Scharnowski: Heimat. Geschichte eines Missverständnisses, 2019.

Literaturauswahl zum Heimat-Begriff, zusammengestellt von Helmut Groschwitz (BAdW)