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Invention of traditions

In Zeiten der Globalisierung wächst wie bereits zuvor erwähnt der Wunsch nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Ausgehend von einem weiten Kulturbegriff kommt es zu einer Konstruktion von Traditionen, die sich in der Neuinszenierung von Volksfesten, dem Erschaffen von identitätsstiftenden Festen sowie der Übernahme von kulturfremden Festen zeigen. 

Doch kann eine Tradition einfach so erfunden werden?


In Bayern gelten Dirndl und Lederhose als traditionelle Kleidungsstücke. 
 

Recherchieren Sie auf www.brauchwiki.de und schätzen Sie ein, inwiefern es sich bei diesen Kleidungsstücken um Tradition handelt. 

Der Ursprung der Tracht ist keine jahrhundertealte Tradition, sondern liegt erst circa 150 Jahre zurück. Es handelte sich dabei ursprünglich nicht um die tägliche Arbeitskleidung der einfachen Leute. Das Dirndl diente vielmehr nur als Sommerkleid für die modebewusste Städterin und die Lederhose war das Kleidungsstück der Wahl für die herrschaftlichen Jäger.

In Bayern gelten Dirndl und Lederhose heute als sichtbare Zeichen regionaler Identität. Besonders bei Volksfesten wie dem Oktoberfest, bei Kirchweihen, Prozessionen, Hochzeiten oder Vereinsfeiern sind sie heute fest verankert, obwohl das beispielsweise beim Oktoberfest in früheren Jahren nicht der Fall war. 

Darüber hinaus ist Tracht auch außerhalb festlicher Anlässe präsent – etwa in Gastbetrieben mit traditionellem Konzept, im Einzelhandel in touristischen Regionen oder bei bestimmten Berufsgruppen im ländlichen Raum. Manche Menschen tragen die Lederhose im Sommer als Freizeitkleidung, insbesondere bei Ausflügen, Wanderungen oder geselligen Treffen. Auch im Schul- oder Berufsalltag kommt Tracht vereinzelt vor, vor allem dort, wo sie Teil des lokalen Selbstverständnisses ist oder Zugehörigkeit ausdrückt.

Je nach Kontext kann Tracht heute viele Bedeutungen haben: Sie reicht von der Pflege von Bräuchen und Traditionen über touristische Darstellung bis hin zu bewusster Modeentscheidung. Die Motive und Anlässe für das Tragen sind vielfältig – ebenso wie die Formen, Farben und Stilrichtungen, in denen Dirndl und Lederhose heute erscheinen.

Lesetipp: Unter „Unsere Tracht und die Macht" finden Sie auf der Seite des Bayerischen Rundfunks einen interessanten Artikel zur sehenswerten Dokumentation „Unsere Tracht und die Macht" von Katarina Schickling, die u. a. auch die Instrumentalisierung von Tracht (beispielsweise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts) beleuchtet. 

Eine erfundene Tradition wird also realisiert, indem ein bestimmter Punkt in der Vergangenheit gewählt wird und Sprache, Gesten sowie Gegenstände so häufig wiederholt werden, bis sie als geläufig wahrgenommen werden. In der Gegenwart wird somit eine Tradition konstruiert und in die Vergangenheit projiziert. Demnach kann auch von einer historischen Fiktion gesprochen werden. 

Ein weiteres Beispiel für erfundene Tradition ist der schottische Rock, auch Kilt genannt. Er wird für eine uralte Tradition gehalten, ist allerdings tatsächlich eine Erfindung aus dem 19. Jahrhundert. Ähnlich verhält es sich mit dem griechischen Volkstanz Sirtaki, der aber erst seit Mitte der 1960er bekannt ist. Die Vuvuzela, welche insbesondere durch die Fußballweltmeisterschaft 2010 bekannt wurde und seitdem als südafrikanische Tradition angesehen wird, ist ebenfalls eine Erfindung aus der Moderne.

Vor allem kommerzielle Interessengruppen wie die Tourismus- und Werbebranche bedienen sich dieser Praxis. 

Überlegen Sie: Welche Traditionen aus anderen Ländern haben sich in Bayern zum Teil etabliert?

Halloween, Holi-Fest, Baby-Parties, Gender-Reveal-Parties, Christopher Street Day….

Ideen für den Unterricht

  1. Überlegen Sie sich eine kulturelle Praxis, die Sie im Rahmen eines Projekts mit Ihren Schülerinnen und Schülern als „erfundene Tradition" an Ihrem Wohnort inszenieren könnten.
  2. Setzen Sie folgende Aufgabe aus dem Portal in Ihrem Unterricht um: Rituale, Bräuche, Tradition

 

Quellen: 

Dressel, Gisela (2008): Tracht heute – zwischen Alltag und Inszenierung. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2008, München.
Egger, Monika (2015): Mythos Tracht. Die Geschichte eines nationalen Symbols. München: Allitera Verlag.
Hobsbawn, Eric/ Ranger, Terence (1992): The Invention of Tradition. Cambridge.
Lengen, Kerstin (2004): Tracht – eine Mode? Geschichte und Gegenwart eines kulturellen Phänomens. In: Volkskunde in Bayern, Bd. 92.
Seifert, Manfred (2000): Kulturen im Prozeß weltweiter Vernetzung. Zur Spezifik kultureller Globalisierungsabläufe. In: Alsheimer, Rainer/ Moosmüller, Alois/ Roth, Klaus (Hrsg.): Lokale Kulturen in einer globalisierten Welt. Perspektiven auf interkulturelle Spannungsfelder. Münster, S. 33 - 54.   
Wurzbacher, Michael (2021): Tracht im Alltag – Beobachtungen zur gegenwärtigen Nutzung in Bayern. In: Zeitschrift für Volkskunde, 117(2), S. 187–204.