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Interview mit Dr. Helmut Groschwitz: Immaterielles Kulturerbe verbindet Vergangenheit und Gegenwart mit Zukunft

Dr. Helmut Groschwitz arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Beratungsstelle Immaterielles Kulturerbe Bayern am Institut für Volkskunde der Kommission für Bayerische Landesgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

1. Was ist der Unterschied zwischen einem „deutschen Kulturerbe“ und dem „Kulturerbe in Deutschland“ und was soll beim IKE vertreten sein?

Von einem „deutschen Kulturerbe“ wird nicht gesprochen, weil sich ein solches schlicht nicht definieren lässt. Daher zielt das nationalstaatlich organisierte Verfahren zur Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes auf das vielfältige „Kulturerbe in Deutschland“. Dabei wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass es in jedem Land eine enorme Fülle an kulturellen Ausdrucksformen gibt – dazu zählen Bräuche und Feste, darstellende Künste und Handwerkstechniken, ebenso sprachliche Ausdrucksformen und Wissensbestände über Natur. Diese lassen sich kaum auf eine gesamte Nation beziehen, sondern weisen regionale Besonderheiten auf – man denke für Deutschland alleine schon an die Vielfalt zwischen Berchtesgaden und Sylt, zwischen Rheinland und Oderbruch. Umgekehrt sind viele kulturelle Ausdrucksformen das Ergebnis von weiträumigem Austausch – und finden sich dies- und jenseits von Landesgrenzen.
Die Idee eines nationalen Kulturerbes, das eine quasinatürliche Beziehung zu einer Nation habe, oft verbunden mit der Vorstellung einer unveränderlichen und zeitlosen Tradition, ist ein problematisches Konzept aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und wird in der Wissenschaft schon länger zurückgewiesen. Stattdessen interessiert man sich z.B. in der Volkskunde eher für die Geschichten der kulturellen Ausdrucksformen, die zugehörigen Migrationen, Aneignungen und Vermittlungen. Hier gibt es viele interessante Beispiele, angefangen von ganz grundsätzlichen Praktiken, etwa den Zahlen die wir verwenden, die samt Dezimalsystem aus Indien stammen, in der arabischen Welt weiterentwickelt und dann ins europäische Mittelalter vermittelt wurden. Oder unsere Musikinstrumente, darunter Geige und Gitarre, die sich aus nahöstlichen Saiteninstrumenten entwickelt haben. Auch viele Bräuche haben transkulturelle Wurzeln, etwa die Nikolaus- und Osterbräuche, Fasching oder Halloween. Speziell unser kulinarisches Erbe ist ohne ständige Vermittlungen aus anderen Regionen der Welt undenkbar, denken Sie nur an Erdäpfel, Spargel oder Kaffee.
Zur Vermittlung gehörten stets die Migrationen von Menschen, die Wissen und Können im Gepäck hatten. Vieles, was vielleicht erstmal fremd wirkte, das gilt inzwischen als heimisch oder ist selbstverständlicher Teil des Alltags geworden. Deshalb lohnt es immer wieder, nach dem Alter von immateriellem Kulturerbe zu fragen – da kommt man oft auf überraschende Ergebnisse. Manches, was gerne als „uralt“ und „immer schon so gewesen“ bezeichnet wird, ist in seiner heutigen Form oft wesentlich jünger, vielleicht nur wenige Jahrzehnte alt. Und manches hat ein überraschendes Alter – so wird z. B. Ramadan, der muslimische Fastenmonat, in Bayern schon länger gefeiert, als es das Oktoberfest gibt.

2. Das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes enthält 126 Einträge. Geben diese aus Ihrer Sicht ein gutes, repräsentatives Bild des kulturellen Erbes der Bevölkerung in Deutschland wieder?

Nein, im Moment kann von einer repräsentativen Abbildung noch nicht die Rede sein. Das liegt zum einen am jungen Alter des Übereinkommens von 2003, dem Deutschland erst 2013 beigetreten ist – Vieles muss sich hier erst noch einspielen, müssen die Werte und Inhalte bekannt werden. Ein wichtiger Aspekt ist beim immateriellen Kulturerbe der „Bottom-Up“-Ansatz: Die Initiative für eine Bewerbung soll von den Trägergruppen ausgehen, also den Menschen, die eine kulturelle Ausdrucksform praktizieren. Das Verzeichnis soll Stück für Stück wachsen und damit die kulturelle Vielfalt immer besser abbilden.
Im Moment sind die Verzeichnisse noch etwas einseitig und es gibt einige „Leerstellen“, von denen ich sagen würde, dass wir aktiv darauf aufmerksam machen sollten, um kein falsches Bild vom immateriellen Kulturerbe in Deutschland zu zeigen. So haben wir auf den Verzeichnissen aktuell weder jüdisches oder muslimisches immaterielles Kulturerbe, keine (post-)migrantischen kulturellen Ausdrucksformen, ebenso fehlt Kulturerbe der Sinti und Roma. Schwierig ist es auch mit Jugendkulturen oder modernen urbanen Formen von immateriellem Kulturerbe – die „Demo-Scene“ oder der „Poetry-Slam“ zeigen, welche Möglichkeiten es hier gibt.
Auch historische Formen von Bräuchen oder Handwerkstechniken bzw. die Entwicklung der darstellenden Künste beruhen oft auf den beschleunigten Dynamiken der Städte, wo viele Menschen zusammenkamen und sich austauschten, wo Handel und Wissenschaft weitläufigen Austausch förderten und Strukturen der Vermittlung aufgebaut wurden, etwa über Universitäten, Bauhütten oder Handelsniederlassungen. Und wo die nötigen Ressourcen vorhanden waren, um kulturelle Vielfalt zu ermöglichen und neue Impulse zu setzen. Das ist heute nicht anders, aber gerade im vielstimmigen Chor der Städte lässt sich immaterielles Kulturerbe oft schwer greifen. Es gibt noch viel beachtenswertes Kulturerbe in Deutschland, das im Moment erst allmählich über Kulturfeste und Messen, über Veranstaltungen und Festivals sichtbar gemacht wird, anderes findet im Verborgenen statt. Gerade hier können die Schulen aber auch einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die kulturelle Vielfalt der Schülerinnen und Schüler aufgreifen, dieses Kulturerbe sichtbar machen und das gegenseitige Verständnis fördern.

3. Sie haben bereits angesprochen, dass eine Mehrzahl der kulturellen Ausdrucksformen eher den ländlichen bis mittelstädtischen Raum betreffen und sich weniger Ausdrucksformen aus deutschen Großstädten finden. Der großstädtische Raum ist stärker von (Super-) Diversität  geprägt – wie kann oder sollte das aus Ihrer Sicht im IKE abgebildet werden?

Eine der großen Herausforderungen, aber auch Potentiale beim immateriellen Kulturerbe ist die enorme Diversität, die wir mittlerweile vor allem in den größeren Städten beobachten können. Hier kommen sehr verschiedene kulturelle Einflüsse und Orientierungen zusammen, treten in Kontakt, inspirieren sich gegenseitig, vermischen sich und führen zu Veränderungen. Das ist nicht immer gerne gesehen, gerade solche Veränderungsprozesse, die aus wissenschaftlicher Sicht alltäglich und normal sind, können auch zu Gegenbewegungen führen – etwa zu Schließungen, um die „echte“ Tradition zu bewahren. Das führt dann vielleicht zu Traditionalismen, zu Erstarrungstendenzen, bis hin zu Bereinigungsversuchen; hierher gehören aber auch Kämpfe um die Deutungshoheit, was denn die „richtige“ Tradition sei – oder wem kulturelle Praktiken und Wissensbestände gehören. Auf der anderen Seite wird gerade in den Städten die kulturelle Vielfalt gerne aufgegriffen und als Motivation genommen, um tradierte kulturelle Praktiken, um Wissen und Können weiterzuentwickeln und neue Formen zu schaffen. Das reicht von Musik und Tanz über Bräuche bis hin zu Handwerkstechniken. Oder es betrifft kulturelle Zeichenbestände, wie sie dann z. B. in Mode, Kunst oder Popkultur sichtbar werden. Diese neuen Formen sind auch geeignet, ein immaterielles Kulturerbe jenseits ethnischer Zuschreibungen zu kreieren, das ein Sowohl-als-auch beinhaltet – und das den Lebensrealitäten in den Städten entspricht, die alles andere als homogen sind. Gerade hier kann das immaterielle Kulturerbe eine wunderbare Plattform anbieten, um sich über gesellschaftliche Fragen zu verständigen. Es erfordert aber eine gewisse Offenheit und Neugierde. Dabei hilft auch hier ein Blick in die Vergangenheit, denn solche Prozesse sind nicht neu, sondern es gibt zahlreiche Erfahrungswerte aus früheren Phasen kultureller Vielfalt, die sich in Sprache, Bräuche, Musik, Tanz und andere kulturelle Selbstverständlichkeiten eingeschrieben hat.

4. Wenn die Rede vom (immateriellen) Kulturerbe ist, so ist dies mitunter auch verbunden mit Begriffen wie „Heimat“, „Tradition“ und „Ursprünglichkeit“. Und im Bereich von Dialekt, Bräuchen und Kulturpflege wandelt man – so unser Eindruck – doch oft auf einem schmalen Pfad zwischen kultureller Wertschätzung auf der einen und Ausgrenzung, Konservatismus und Erstarrung auf der anderen Seite. Wie lässt sich mit diesem Spannungsfeld umgehen?

Das sind alles drei nicht ganz einfache Begriffe, die schwer zu definieren sind, die aber eine enorme Bedeutung haben – und wo man vor allem jedesmal nachfragen muss, was genau damit gemeint ist. Ist mit Heimat die Herkunftsregion gemeint, eine nostalgische Erinnerung aus der Kindheit, sind es die sozialen Beziehungen, die mehr noch als der Raum ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln? Oder ist es jener Teil der Welt, in den ich mich einbringen kann, wo ich mich nicht erklären muss, mit dem ich meine Bedürfnisse nach sozialer und ökonomischer Teilhabe befriedigen kann? Man kann am selben Ort wohnen bleiben und doch seine Heimat verlieren, wie es z. B. vielen Menschen in Ostdeutschland nach der Wende erging, in ländlichen Regionen nach dem Verlust von alltäglichen Infrastrukturen vom Dorfladen bis zum Wirtshaus, oder in Stadtvierteln, die nach erfolgter Gentrifizierung oder Touristifizierung fremd geworden sind.

Im Grunde ist Heimat weniger ein Befund als vielmehr ein Prozess – denn auch diejenigen, die in ihrer Geburtsheimat leben und diese über viele Jahre mitgestalten, müssen diese doch immer wieder neu gestalten – das ist auch ein Bereich, wo lokale Bräuche und Traditionen eine große Rolle spielen können. Ob diese dann eher inkludierend sind, und alle Menschen teilhaben lassen, die vor Ort leben, oder eher ausschließend – das liegt in der Regel nicht an den Bräuchen, sondern an den Menschen, die diese ausüben und interpretieren.

Dazu gehört natürlich auch die Frage, was Traditionen eigentlich abbilden. Denn in der Regel sind diese zu einer bestimmten Zeit unter spezifischen gesellschaftlichen, politischen, religiösen oder ökonomischen Bedingungen entstanden. Wenn sich diese Bedingungen jetzt aber verändern, dann müssen sich die Traditionen auch ändern, um noch zeitgemäß zu sein – und um Antworten auf die Fragen der Gegenwart liefern zu können. 

Auch die Rede von der „Ursprünglichkeit“ ist ein heikles Konzept, das meist mehr über die Gegenwart jener aussagt, die davon reden, als über den damit benannten imaginierten Zustand. Meist wird damit eine historische Utopie bezeichnet, die Annahme, dass es früher eine bessere Gesellschaft gegeben habe, und dass man sich gegen die Zumutungen der Moderne schützen müsse. Solche Phasen der Nostalgie und der Konstruktion von spekulativen Kontinuitäten finden sich vermehrt in Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung. Sie prägten die Romantik und den Historismus im 19. Jahrhundert ebenso wie völkische Konzepte in der Zwischenkriegszeit oder Traditionalismen der Nachkriegszeit. Oft führten sie zur „Invention of Tradition“, der Anmutung von Historizität, die aber ein Produkt der Moderne ist. Wenn die Suche nach einem „ursprünglichen“ Kulturerbe aber keine Orientierung bietet, dann kommt der Zukunftsaspekt des immateriellen Kulturerbes ins Spiel, indem jede Gemeinschaft sich immer wieder überlegen muss, welche Aspekte ihres Kulturerbes, welches Wissen und welche Werte sie in die Zukunft weitergeben möchte – und was man besser Geschichte sein lässt.

5. Die Auseinandersetzung mit Kulturerbe bedeutet auch, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. Wie passen Bewahrung und Wertschätzung des Erbes mit Neuem, mit Wandel, mit Globalisierung und Migration zusammen?

Geschichte ist nichts, das festgeschrieben ist, sondern etwas, das aufgrund von Quellen immer wieder neu erzählt wird – und damit auch etwas sehr Gegenwartsbezogenes. Sich über Vergangenes bewusst zu werden, über Entstehung und Veränderung des eigenen Kulturerbes klar zu werden, das schafft genau erst jene Wahrnehmung von Historizität und Zeit, von Kontinuität und von geschichtlicher Tiefe, die ihrerseits identitätsstiftend wirkt. Kulturerbe ist in einem ständigen Prozess von Er-Erben, Aneignen und Ver-Erben eingebunden. Es ist ja nicht so, dass wir uns um verschwindende Reste kümmern müssen, die alleine nicht mehr lebensfähig und „pflegebedürftig“ sind, dass wir jetzt am „Ende“ stehen – vielmehr befinden wir uns in einer Reihe von Menschen und Generationen, die schon vor uns er- und vererbt haben. Deshalb wird beim immateriellen Kulturerbe auch stets nachgefragt, welche Maßnahmen ergriffen werden, um eine kulturelle Ausdrucksform, einen Brauch, eine Kunst, eine Handwerkstechnik, fit für die nächste Generation zu machen. Kulturerbe heißt nicht: „Käseglocke drüber“, sondern bedeutet, sich zu überlegen, welches Wissen und Können ich weitergeben möchte, welche Werte ich damit verbinde, und was ich an nicht mehr Brauchbarem aussondere.
Sich mit Geschichte auseinanderzusetzen bedeutet aber auch, den beständigen Wandel zu sehen, die historischen Entwicklungen, die Irrwege und Lösungen. Das macht im Grunde einen enormen Wissensschatz von Gemeinschaften und Gesellschaften aus. Daher ist eine kritische Erinnerungskultur, die die vielfältigen, oft widersprüchlichen Narrative aufgreift und deren Uneindeutigkeiten zulässt, ein wichtiges Kapital für demokratische Gesellschaften. Und ein zentraler Grund, sich auch der dunklen und unangenehmen Aspekte der eigenen Geschichte bewusst zu werden, etwa des Nationalsozialismus oder der SED-Diktatur – die beide auch auf dem Feld der „Volkskultur“ sehr aktiv waren – um daraus zu lernen und es besser zu machen.  
Wenn sich aber immaterielles Kulturerbe schon immer weiterentwickelt hat – warum soll es sich dann nicht auch vor neuen gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen konstruktiv weiterentwickeln? Hier haben wir die Doppelnatur von Bewahren und Gestalten vor uns: Immaterielles Kulturerbe verbindet Vergangenheit und Gegenwart mit Zukunft.

6. Inwiefern ist Kulturerbe politisch?

Das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes baut auf den kulturpolitischen Zielen und Werten der UNESCO auf. Diese wurde ja nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um Friedenssicherung durch Kultur und Bildung zu fördern. Zu diesen Zielen und Werten zählen u.a. kulturelle Vielfalt, Partizipation und die Zugänglichkeit zu Kultur, die Förderung der gegenseitigen Achtung von Trägergruppen und ihrem Erbe, Nachhaltigkeit im sozialen, kulturellen und ökologischen Sinn, sowie die Berücksichtigung der allgemeinen Menschenrechte. Das führt natürlich auch dazu, dass im Sinne des Übereinkommens nicht alle kulturellen Praktiken, die auf einer Weitergabe beruhen, als immaterielles Kulturerbe anerkannt werden können. Gründe für eine Ablehnung können etwa sein, wenn Menschengruppen in Bräuchen und darstellenden Künsten ausgeschlossen werden, wenn gegen Tierwohl oder Nachhaltigkeit verstoßen wird, oder wenn kulturelle Ausdrucksformen rassistische, sexistische oder antisemitische Inhalte transportieren. 
Immaterielles Kulturerbe ist aber schon alleine deswegen politisch, weil wir aufgefordert werden, uns über unser Erbe bewusst zu werden, zu überprüfen, ob die kulturellen Praktiken und die transportierten Werte noch zeitgemäß sind. Damit wird das Kulturerbe zum Diskursraum von kultur- und gesellschaftspolitischen Verhandlungen.

7. Wenn kulturelles Erbe mit Schülerinnen und Schülern thematisiert wird – was erscheint Ihnen dabei besonders wichtig?

In den Umsetzungsrichtlinien des UNESCO-Übereinkommens sind die schulische und außerschulische Bildung explizit als Maßnahme genannt, um die Erforschung und vor allem Vermittlung des immateriellen Kulturerbes zu fördern. Denn ohne eine Weitergabe kann es kein lebendiges Kulturerbe geben.
Gerade im schulischen Bereich lassen sich mit der Thematisierung von immateriellem Kulturerbe die Schätze sichtbar machen, die sich in den kulturellen Ausdrucksformen finden. Hier lässt sich ein Verständnis für das Eigene fördern, ohne das Andere abwerten zu müssen. Indem verschiedene Kulturerbe in diversen und heterogenen Klassen sichtbar gemacht werden, wird auch deutlich, dass es nicht nur den einen Weg gibt, etwas zu tun, sondern eine Vielfalt an Optionen. Im Unterricht lassen sich zudem die Werte thematisieren, die mit kulturellen Ausdrucksformen verbunden sind.
Deshalb müssen im Unterricht aber auch die dunklen und unangenehmen Seiten von Traditionen angesprochen werden (sofern das altersgemäß ist), um zu einem vertieften Verständnis zu kommen und zu verstehen, warum es immer wieder Konflikte um Kulturerbe gibt. Dabei helfen bestimmt auch Beispiele von kulturellen Praktiken, die solche Veränderungen schon hinter sich haben, etwa die Beseitigung antisemitischer Passagen aus den Texten von Oberammergau, oder die überkonfessionelle und interreligiöse Öffnung des Augsburger Friedensfestes, das ja lange Zeit vor allem der Konfessionspolemik diente.
Es lässt sich im Unterricht deutlich machen, wie sich das, was uns alltäglich und selbstverständlich erscheint, immer wieder verändert hat – und auch immer wieder verändern wird, dass es immer wieder junge Menschen gab, die sich Kulturerbe angeeignet und es verändert haben. Das kann auch die Freude fördern, sich in kulturelle Ausdrucksformen einzubringen, dort heimisch zu werden und den Mut aufzubringen, diese kreativ weiterzuentwickeln. Denn jede Generation hat neue Ideen für ihr Kulturerbe. Vor allem aber bietet die Thematisierung von Kulturerbe den Schülerinnen und Schülern, also der nächsten Erbengeneration an, sich zu verdeutlichen, wo der eigene Platz in einer Kulturerbegemeinschaft sein kann.
Um das immaterielle Kulturerbe vor dem Hintergrund von Medialisierung, Globalisierung, demographischem Wandel, Mobilität und Migration erhalten zu können, braucht es genau diese neuen Generationen, die es weiterentwickeln und zukunftsfähig, die es zu einem Medium für gesellschaftlichen Zusammenhalt machen können. Hierfür ist das Verständnis für das eigene Kulturerbe ebenso wie für dasjenige anderer Kulturerbegemeinschaften essentiell.